Das 5000-Freunde-Experiment

Berufsjugendliches Verhalten passt nicht so recht zu ernsthaften Diskussionen über die Kulturindustrie. Daher muss Philine nun ins Feuer. Schuld sind wie immer die Männer. 

Ein sonniger Sonntagmittag irgendwo im wilden Westen. „Was machst du da wieder auf dieser sündigen Seite?“ frage ich interessiert und der Cowboy antwortet, dass er Diskussionen über die Kulturindustrie verfolge. „Wird auch über Hollywood gesprochen und die antisemitischen Vorurteile gegen die Filmindustrie? Wird Zizek referenziert?“ „Nein“, sagt er. „Und sind Imageboards ein Thema? Dort ist man ja sehr gegen den Adornoschen Kulturmarxismus eingestellt.“ „Nein“.

Philine Busch ist enttäuscht, lacht und ich wende mich wieder meinen kleinen Freunden im Chat eines längst versunkenen Imageboards zu.

Der intellektuelle Arm der antideutschen Bewegung vernetzt sich bei Facebook und es ist ja eigentlich ganz gut, dass im Jahr 50, nachdem Adorno von den Brüsten der 68erinnen getötet wurde, über seine Philosophie gesprochen wird und was davon tot ist. Einer hatte die These aufgebracht, dass die Adornosche Kritik an der Kulturindustrie inzwischen eventuell genauso tot sein könnte wie Adorno seit nunmehr mehr als 50 Jahren.

Dieses Facebook ist ja toter als tot! Nicht nur, dass unser Qualitätsblog Taube & Falke dort aus unerklärten Gründen nicht gepostet werden kann. Nein, Menschen verfolgen dort Diskussionen über die Kulturindustrie.

Facebook ist die Kulturindustrie.

Facebook besteht aus Gefühlen. Dafür taugt es. Philine Busch betrinkt sich, lässt den Gefühlen freien Lauf und plant einen erweiterten Suizid.

In den Tagen zuvor war Philines Facebook-Community außer Kontrolle geraten. Monatelang war alles gut gegangen: sobald sich ein fremder Nutzer als Fliegenfänger für lüsterne Männer herausstellte, wurde er entfernt und alle mit ihm verbundenen Kontakte ebenso. Nun der Fehler: einer wurde hinzugefügt, nachdem die Rückfrage ergeben hatte, er sei ein intelligenter Philosoph. Natürlich ein Kardinalsfehler: alsbald trudelte die direct message von dem Lutscher ein. Philine kurz ausgelöst, erst mal eine Runde im Komposthaufen graben, dann wieder beruhigen und den Gestörten darauf hinweisen, dass es ja immer immer passende Beschädigungen seien, die zu Auslösungen, also emotionalen Eskalationen führten.

Die Community war jedoch nachhaltig gestört. Plötzlich X neue Freundschaftsanfragen von Unbekannten. Daher wurde die Policy angepasst: alle wurden hinzugefügt. Einfach alle nach Eingang der Freundschaftsanfrage. Bei solchen Aktionen kann Alkohol sehr nützlich sein. Das Ganze artete in Clickworking aus, aber ich blieb dran.

Schnell reiste Philine in neue Länder. Männer mit Turban, Männer aus Amerika, Freunde von HC Strache. Bei Facebook ist man über fünf Ecken mit der ganzen Welt befreundet. Facebook ist dafür da, sich mit der ganzen Welt zu befreunden. Connections! Es geht im Internet darum, Menschen mit denselben Interessen zu finden, egal, wo sie leben. Die ultimative Gedankenverschmelzung, ein neuer Diskurs, Weltgeist.

Doch halt! Es sollte im Internet allerdings auch darum gehen, mit Menschen mit anderer Meinung zu sprechen. Das geht in den Filterbubbles mehr und mehr verloren. Kulturpessimisten sind pessimistisch, was die Zukunft der demokratischen Kultur betrifft und wünschen sich den Stammtisch, den Schützenverein oder, wie Juli Zeh, das Lagerfeuer zurück.

Philine versuchte es dann eben mit dem Zufall und dem Begehren. Mit der Seeligerschen Trollforschung hatte es leider nicht geklappt, den demokratischen Diskurs zu retten. Nun also Facebook-Trash: Wer mich will, mit dem will ich liken. Einen Ansatz finden, es geht immer weiter, es ist nie zu spät. Hier regiert der lüsterne Kurzfrist-Zufall! Da werden dann im Laufe der Zeit die zum Reden herausgepickt, im Zweifel jene, die es schaffen, mich anzumailen, so die unausgegorene, ferne Idee. Erstmal alle adden. For the Likes. Likes und Reichweite sind bitter nötig, alles andere ist digitale Todesstrafe, wie Markus Beckedahl von netzpolitik.org mal treffend feststellte. 

Also optimierte Philine das Hinzufügen. Am nächsten Tag waren es 900 neue Freundschaftsanfragen, als die nach ungefähr drei Stunden abgearbeitet waren, waren schon 900 neue da. Perfekt, Facebooks 5000-Freunde-Grenze ist locker in drei Stunden erreicht, so die Rechnung. Dann würde man was essen und weitersehen. Ich wechselte den Rechner, da ein alter Linux-Rechner stets Probleme macht, was die Flüssigkeit der Seite betrifft. Mit dem schnelleren Rechner lief es dann. Optimiertes Hinzufügen – wie ein Apparat. Nachrichten konnten längst nur noch nach dem Zufallsprinzip beantwortet werden, ein dick pic trudelte ein, nur mühsam konnte das Gebahren auf der Wall gemanaged werden. Doch am Ende der harten Arbeit wartete das Ziel: Bald würde ich eine glückliche neue Like-Community erarbeitet haben, die mir neue lukrative Diskurs-Möglichkeiten eröffnen würde.

Einen Vorgeschmack hatte ich erhalten: ein noch am Abend geschriebener Blogartikel erhielt innerhalb kürzester Zeit 100 Likes. Was für ein Gefühl, wieder in den Likes baden zu können. Wie früher! Ich freute mich, bald auch eine Influencerin zu sein.

Nach kurzer Zeit jedoch der Final Strike vom Algorithmus: Spam. Keine neuen Freunde mehr. Keine Nachrichten mehr schreiben. Niemand mehr mentionen. Die digitale Todesstrafe, ein weiteres Mal von Facebook ausgesprochen. Sie mögen uns da einfach nicht. Kafkaesk! Nachdem schon unser Blog auf schwedisch-maßregelnde Weise ausgebremst wurde, nun das Ende für mein 5000-Freunde-Experiment.

Mein Ziel war es gewesen, innerhalb eines Tages 5000 Facebook-Freunde zu erhalten. Sie sollten nach dem Gefühls-Kriterium ausgewählt sein. Wer auf mich fliegt, sollte hinzugefügt werden, um eine neue Community zu formieren. Likes, Likes, ich brauche Likes!

„Diese trockenfotzigen Antideutschen sind für mich zu nichts nutze“ sage ich zu dem Cowboy, als er mein 5000-Freunde-Experiment kritisch kommentiert. Er setzt nach: „Das ist berufsjugendliches Verhalten, bei Facebook solche kindischen Experimente zu machen“. Das trifft mich hart, weil ich aus dem antideutschen Milieu heraus bereits dem Vorwurf des Berufsjugendlichentums ausgesetzt war. Eigentlich hatte ich dieses Verhalten abgelegt, das heißt, ich maßregele niemand mehr auf der Straße wegen Klima, so wie es Grünen-Mitglieder tun würden. Ich habe meine Blümchenoutfits in die Tonne getan. Ich rege mich über nichts auf und lache über die Widersprüche der Verhältnisse. Und nun dies: ich habe mich bei Facebook berufsjugendlich verhalten. Das ist schlimm.

Ich verschwieg, dass meine kleinen Freunde vom versunkenen Imageboard gesagt hatten, dass Facebook eben genau für eine Sache tauge: Menschenversuche.

Daher muss Philine Busch jetzt leider gehen. Sie ist nicht bereit, die 3000 Freunde wieder zu entfernen, weil das nervige Klickarbeit ohne Zukunftsperspektive wäre. Philines Account ist im Spam und ihr Name ist komplett nichtssagend. Was Sinn der Sache war: ein nichtssagender und unanstößiger Name. Das lässt mich komplett gefühllos zurück: Philine hat Sch*** gebaut, im Internet rumgeballert und dafür muss sie nun ins digitale Feuer. Der Name ist so komplett belanglos und ist nun trotzdem verbrannt.

Pech gehabt, Philine. Hättest du dich mal nicht berufsjugendlich verhalten, dich nicht mit muslimischen Männern aus der ganzen Welt eingelassen, sondern ordentlich mit den antideutschen Männern über Adorno diskutiert. Dann hättest du bestimmt auch mal einen Like erhalten.

Neuer Name ist noch geheim, außer für Insta-Follower. Leitet sich von Dol2Day her, ist also nicht nichtssagend, sondern hat eine Bedeutung.

Einen neuen Facebook-Account mache ich mir dann in einem halben Jahr.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

I put the Trolle in Selbstkontrolle

Anna und Arthur halten's Maul

Mein Trojaner