Bio für die Haare

Es ist nicht alles schlecht im Bio. Ich, Fettwab, wie ich in manchen Kreisen auch genannt werde, habe nun an diesem schönen Wochenende einen lange aufgeschobenen Artikel zu liefern: wie style ich meine Haare richtig und ist Bioshampoo hierfür die Lösung? Hintergrund dieses abermaligen Schwungs ins Lifestylige ist, dass ich von langer Hand einen Artikel zum Thema Polizei plane und bemerke, dass sich dieser, anders als so ein mädchenhafter Lifestyle-Artikel, nicht von selber schreibt. 

Asdf qwertz, liebe Mädchen, vor allem liebe Mädchenfeministinnen, nehmt mir das nicht böse, aber mal im Ernst: ein Artikel oder ein Buch über das das Lifestyle-Thema Opfer-sein schreibt sich nun mal wie von selbst, wenn man das Opfer-sein nur angemessen internalisiert hat. 

Wie ich bei meiner großen Recherche festgestellt habe, ist dies ein Kennzeichen der Borderline-Erkrankung. Ja, unsere postmodernen Gesellschaft ohne feste Rollen und mit offenen Grenzen, man weiß gar nicht mehr, wer man sein soll. Und wie es mehr und mehr um sich greift, wie sich im populärwissenschaftlichen Standardwerk „Ich hasse dich – verlass mich nicht“ nachlesen lässt! Hier das psychopathische Patriarchat, da die zerhackten Frauen, die den Pater morgens eine Runde provozieren, um abends einen Klaps auf den Po zu erhalten? Nicht auszuschließen. Auf jeden Fall ist schon allein das Wort "postmodern" ein krasses Peterson-Argument, das die eine oder andere hoffentlich so richtig zum Kotzen bringt. 

Da solche Streitigkeiten an sich jedoch unnütz sind, Streitigkeiten, die zwar schon seit 2008 schwelen – damals wurde ich zum ersten Mal aus der linken Szene heraus als „Antifeministin“ bezeichnet – nun also ein Feld, das neu für mich ist. Schönheit. Während also andere Feministinnen perfide die Doppelstrategie zwischen Tussi und Männerfresser fahren und wieder andere das Müll-Leben für sich gewählt haben, war ich jahrelang gefangen in der Rolle zwischen niedlichem kleinen Tier, Männerforscherin und Eisenbahn. Tuuut tuut sch sch sch sch choo! Eine Eisenbahn macht sich selbstverständlich nicht die Haare. Ihr Führer zeigt ihr, wann es losgeht, wann getutet wird und wann sie wieder anhalten muss. Ein gemütliches Leben, könnte man denken.

Das Leben der Eisenbahn ist ein unfreies Leben. Sie ist nicht frei in ihrer Partnerwahl, sie bekommt ihren Arbeitsplatz zugewiesen und darf sich auch nicht die Haare machen, denn Eisenbahnen dürfen aufgrund der Aerodynamik nach Dienstvorschrift keine Haare haben. 

Man kann als Eisenbahn durchaus glücklich sein, Stichwort Autismus, wenn man in dieser Gesellschaft als Frau überleben möchte, dann ist das alles schon schwieriger. Dumm, wer die Codes dieser Gesellschaft nicht erlernt hat, dumm, wessen Leben verbesserungswürdig ist, verbesserungswürdig wegen des Kapitalismus, wegen Vergewaltigung oder wegen sonst etwas, was die Frauen dieser Tage nun besonders betrifft. 

Zur Lebensverbesserung gehört Zeitlichkeit und die Erinnerung. Wer keine Vergangenheit hat, der hat kein Leben. Mit Vergangenheit ist vieles leichter. Man muss es dabei sicherlich nicht so übertreiben wie ich mit meinem Zweitprojekt „Die Weberin“, sondern es reicht, sich an seine eigene Jugend zu erinnern. 

Punkt 1: Haare und das Färben derselben. 

Wir erinnern uns: Für das Färben muss Henna genutzt werden, da alles andere die Haare zerstört. Henna ist ein Pflanzenpulver aus dem Orient, arabischer Raum oder Indien, irgendwo im Osten. Es liegt in zahlreichen Farbabstufungen vor, schwarz, braun, farblos, Mahagoni und nicht zuletzt Klassik-Hennaknallrot. Sogar helle Farben namens „Sahara“, die allerdings nur von Blondinen genutzt werden können, denn mit Henna lassen sich die Haare nicht wirklich aufhellen. Etwas erröten allerdings schon und weil Henna an sich hip und trendy ist und überdies von erfolgreichen Politikerinnen wie Katja Dörner und erfolgreichen Bernadetten wie der Papierkrebsbernadette genutzt wird, habe ich dies auch gemacht. Wie damals mit 14.

Als ich 14 war, gab es das Internet noch nicht, also musste ich bei den Hinweisen auf meine Mutter zurückgreifen, die keine Komplettexpertin bei Henna ist, weil sie, ja ich weiß es leider nicht, so wie ich vieles andere auch nicht weiß und wohl auch nicht mehr erfahren werde, da mir an meinem Frieden liegt. Mit 14 habe ich es mir leicht gemacht: Hennapulver in die Schale, heißes Wasser rauf und das Badezimmer und mich selbst einsauen. Oink. 

Eine heutige Henna-Transformation erfordert langwierige Vorbereitung. An erster Stelle steht die Recherche auf wichtigen Seiten wie „Langhaarforum“, wo sich die ultimative Anleitung findet. Foren ersetzen Bravo GIRL heutzutage komplett, niemand muss sich also noch ärgern. Wer im Pro Ana Forum auf Instagram lauert, muss vom Krankenwagen abgeholt werden. Doch zurück zum Henna. Life Hack: man muss das Henna, nachdem man es angerührt hat, über Nacht einfrieren, damit die Eiskristalle das Henna klein stechen und seine Wirkung um mehrere Zehnerpotenzen verstärken.

Günstig erwirbt man das Henna übrigens beim Kurden des Vertrauens. Dazu sollte jeder Linke in der Lage sein. Niemand sollte sich sein Henna beim Drogeriemarkt oder gar im Reformhaus kaufen, wenn man genauso Geld sparen und gleichzeitig die Märtyrer des Erdogan-Regimes unterstützen kann. Das mag für manche Ökos nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein, verstehen Sie doch auch nicht, warum sich die Flüchtlinge auf Lesbos befinden, doch meine Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn sich Erdogan vielleicht nicht komplett durch das Einkaufen von Henna beseitigen lässt, dann vielleicht durch eifriges Spekulieren mit der Lira. 

Wer hingegen mit dem falschen Henna spekuliert, verliert. Nämlich seine Haare. Schwarzes Henna ist giftig und macht die Haare lasch, wenn es zu lange einwirken gelassen wird. Wer seine Haare stärken möchte, sollte auf farbloses oder rotes Henna setzen. Ich habe für die Leserschaft todesmutig den Versuch mit schwarzem Henna gewagt und die Zusammenfassung ist einfach: ich rate ab. Besser als schwarzes Henna wäre ein sanftes Industrieprodukt.

Alles in allem trägt das richtige Henna zu einer besseren Haarstruktur bei, man sagt, es lege sich wie ein Schutzschirm um die Haare. 

Punkt 2: die Haare bürsten

Eine bekannte Feministin beschwert sich in ihrem zweiten Buch, dass sie von ihren polnischen Fans Hinweise zur Haarpflege erhält. Konkret: sie solle sich ihre Haare mal bürsten. Was daran schlimm sein soll, verstehe ich nicht. Die bekannte Feministin hat keinen Gothic-Look, welchen Zweck hat es also, sich die Haare nicht zu bürsten? Sie werden dann schöner. 

Vielleicht empfindet die Feministin den Hinweis gar nicht als schlimm. Gut getrollt!

Ich empfehle Bürsten mit Wildschweinborsten. Oink.

Punkt 3: das richtige Shampoo

Duschgel ist schlecht für die Haut, daher dusche sie stets ohne, verriet die Kosmetikmanagerin (Lancôme, L’Oréal, et cetera) Sue Nabi kürzlich in der Wirtschaftswoche. Während meines Forschungsaufenthalts auf Teneriffa versuchte ich Vergleichbares mit meinen Haaren. Schön sein ohne Seife. Prämisse war, dass sich die Haare in der modernen Konsumgesellschaft an das künstlich geschaffene Bedürfnis Shampoo gewöhnt hätten, wenn man sie länger nicht waschen würde, dann würde sich der Fetthaushalt umstellen und die Haare würden natürlicher und man müsste sie nie mehr waschen. Ich war ausschließlich zum Kiffen auf Teneriffa, daher fiel der Versuch nicht weiter ins Gewicht, gleichwohl musste er nach drei Wochen abgebrochen werden. Shampoo ist wichtig und richtig, nicht nur, wenn man von Zeit zu Zeit einen repräsentierenden Termin wahrzunehmen hat. Es ist auch für einen selbst schöner, wenn die Haare fedrig und nicht klatschig sind. 

Versuche mit Bioshampoo mussten scheitern. Bioshampoo ist schlecht, macht die Haare klatschig und strähnig und kostet zu viel Geld. Ich habe jahrelang Bioshampoo benutzt und kann bei den Herstellern nur eine Verschwörung gegen die neue langhaarige Weiblichkeit beobachten. Wer Bioshampoo nutzt, will sich nach spätestens einem halben Jahr die Haare wieder scheren, weil sie hässlich aussehen und keine Sprungkraft zeigen. Kosmetikchemikerinnen und Kosmetikchemiker mögen in den Kommentaren erklären, warum dies so ist. Vielleicht wird Bioshampoo in der Marktforschung nur jenen vorgelegt, die keine schönen Haare haben wollen, Zielgruppe eben, ein Teufelskreis. 

Unschlüssig und durchaus noch mal für einen weiteren Versuch offen bin ich beim „festen Shampoo“. Man kann es eigentlich nur nutzen, wenn man eine Seifenschale in Griffweite hat, da es sich um einen festen Riegel „Shampoo“ handelt. Verkauft wird es zu Preisen von bis zu fünf Euro, Premium-Produkte können noch teurer sein. Worin der Unterschied zu einer schnöden Kernseife besteht, weiß ich nicht, die Wirkung auf die Haare ist ähnlich: sie werden weich und fast zu fluffig. 

Als armer Mensch – ich habe 100 Euro weniger als Hartz IV, weil ich nicht umziehen will – bleibt mir die Wahl nicht. Es ist nicht alles schlecht im Bio, ich kaufe es manchmal sogar wegen des Bodens (ohne Blut). Aber das Shampoo? Nein Danke. Nur durch meine Armut hatte ich die Chance, mein Bio-Denken zu hinterfragen, denn ich muss kostendeckend arbeiten. Meine Haare danken es mir. Flausch.




Kommentare

  1. "Hach..."
    Ein Text wie sommermorgens zum Aufwachen durch eine taunasse Wiese toben.

    Wunderschöne Ausführungen zum Thema Henna. Eine Ergänzung habe ich noch: ich habe mal aus Tunesien Saatgut nach Deutschland mitgebracht - Sandnatternkopf und Hasenfuß-Wegerich, gesammelt wo die Schiffsschuppen des alten Karthago standen, dazu diverse Bohnen und Kichererbsen -, fühlte mich als ganz krasser Schmuggler, bis ich dann merkte, dass Tunesien und die EU so ziemlich gar keine Im- und Exportbeschränkungen für Saatgut haben.

    Bis auf Henna und Datteln.

    Wer beim Schmuggel von Hennasamen nach Tunesien erwischt wird, hat ein echtes Problem.
    Tunesien hat offenbar sehr viele Henna-Sorten und Henna ist dort ein wichtiges Exportprodukt, und sie wollen verhindern, dass ihr Henna sich mit irgendwelchem Henna von wasweißichwoher kreuzen, und/oder dass irgendwelche Henna-Parasiten mit dem Saatgut eingeschleppt werden.

    Was Shampoos angeht: manche schwören auf Eidotter + Altbier. Ich vermute aber stark, dass das zwar zu gesundem Haar führt, dich aber obenrum nach Schwefel und Mundstuhl riechen lässt. Ein alter Bekannter nimmt Kernseife und Wasser und sonst nichts, aber der steht auch auf Rasputin-Look, so maybe don't try this at home.
    Hollerbach & Hollerbach empfehlen Seifenkrautwurzel und Kamillenblüten. Seifenkraut habe letzten Herbst bei ca. 50°43'33.31"N 7°5'12.66"O fotografiert; dort würde ich es nicht unbedingt ausgraben, es sollte aber in der generellen Gegend nicht selten sein. Kamille (also die normale Matricaria) macht die Haare etwas blond; römische Kamille (Chamaemelum) macht sie SEHR blond; dir steht das zwar QED, aber es kann sein, dass es in Verbindung mit Henna ein helles Olivgrün ergibt, und das willst du vermutlich nicht.
    Seifenkrautwurzel gibts vermutlich auch in Apotheken oder in diesen Online-Teehandlungen, oder halt bei der Elektrobucht. Ausprobiert habe ich es nicht; ich löse etwaige Haarprobleme mit einem 3-mm-Aufsatz auf dem Rasierer...

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    1. Was Shampoo angeht: ich gebe zu, auf dm Schönheitsgeheimnisse Manuka Honig zu schwören. Ist aber an sich sicherlich eine Frage des Haartyps.

      Und deine Tipps werde ich sicherlich mal ausprobieren.

      Außer den mit dem Aufsatz :)

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