Ein Mülleimer voller Gefühle

Als ich letztes Jahr zum eigentlichen Ende meiner Forschungen im Bereich Machtmissbrauch im Sport gekommen war, beschritt ich meinen Weg in Richtung Deutsche Sporthochschule zu Köln. Ich wollte dem Bundeslehrreferenten Ralf Lippmann auflauern.

Vor 20 Jahren stand ich mit ihm am Mülleimer, wir rauchten Zigaretten. Kurz davor hatte ich auf der Matte seinen Daumen verstaucht. Ich bot an, als Ausgleich meine Hand auf den Mülleimer zu schlagen. Das ist wahre Gerechtigkeit. 

Wenn man fast an der Endhaltestelle aus der 1 in Richtung Köln-Weiden aussteigt und wie ich hysterisch und autistisch ist, dann überfällt einen schon beim Blick auf das Stadion ein theatralisches Gefühl. Es war Spätherbst, die Sonne stand schon tief und das alte Stadion aus den 20ern nimmt sich seinen Raum. Lange Wege, bis man am Gelände der Sporthochschule erst angekommen ist. Wanderungen durch einen mystischen Ort, schöne Bäume, vielfältige Gebäude wie die Pavillons auf der Expo2000. 

Die Gewissheit, nicht gut genug zu sein. Ich bin hier nur zu Gast. Hoffentlich erkennt keiner, dass ich kein Teil von dir bin. Sporthochschule Köln! Undercover wandere ich durch die Sträßchen. 

Geduckt wie das Pilzhaus von Lexi aus „Hallo Spencer“ erscheint der Hort des deutschen Judos ganz am Ende des langen sanften Weges. Man schlägt sich durchs Gebüsch und biegt um die Ecke. Gleich würde ich den Mülleimer sehen! Mein Herz begann schneller zu schlagen. Doch nichts dergleichen zeigte sich. Der Mülleimer war verschwunden.

Von einem zum anderen Moment fühlte ich mich, als würde ich von Opiaten überschüttet. Oder war es Adrenalin? Eine Reise in die Vergangenheit, als mein Hormonsystem noch funktionierte. Ich stand also vor dem Judohaus, der Mülleimer war weg und ich trat ein. 

Wie schön sie ihr Haus gestaltet haben! Im Foyer Hall of Fame der besten Sportler. Frank Wieneke, Judogott. 

Ein Raum, in dem Sinnsprüche mit dem Begriff des Wegs auf Flipcharts standen. Hier hatte offenbar vor kurzem eine Trainerausbildung stattgefunden. Judo heißt auf japanisch „Sanfter Weg“. 

Sanft schlich ich mich weiter in Richtung Turnhalle. Mein Plan ging auf, ich passte mich an, ich fiel nicht auf. Niemand begegnete mir auf meinem Weg durch das Dunkel. 

Auf der Matte: junge blonde Bullen und ein drahtiger, ostdeutsch aussehender Trainer. Hier trainierte der Bundeskader. Ich setzte mich für eine Zeit auf die Tribüne und sah zu. Aufgrund meines seriösen Habitus mit einer polizeiblauen Regenjacke wurde ich von den wenigen anderen anwesenden Zuschauern, vermutlich Heimtrainern, akzeptiert. 

Ehrerbietig wurde mir Platz gemacht, als ich mich entschied, aufs Ganze zu gehen. Kein Lippmann auf der Matte, logischer Schluss, er musste woanders sein. Sicherlich in dem hohen Raum über der Halle, der der Verwaltung des NRW-Judoverbandes dient und sicher auch eine Rolle für die Bundestrainer spielt. 

Ich klopfte an. Niemand sagte herein. Also öffnete ich eigenmächtig die Tür.

Vorbei an Computern, an denen keiner saß, drang ich tiefer ein. Am letzten Raum ein Japaner, ich weiß nicht mehr, ob er Englisch oder Deutsch sprach. Die Schwelle zum letzten Raum überschritt ich nicht. „Ist Lippi hier?“ sagte ich und dachte, ich hätte genauso „Ist Luisa hier?“ sagen können. 

„Man kann ihn anrufen“. Das sagte ein attraktiver Mann mit blauen Augen und dunklen Haaren. Er drehte sich von seinem Computer um und blickte mich an, während ich, die Regenmantelreisende, im Türrahmen stand. Aus irgendwelchen Gründen dachte ich, dass er Rumäne sei. So so, auch hier werden also Gleiche berufen. Ein attraktiver Rumäne und ein Japaner. Köln, oh schönes Köln, linksrheinisch und französisch, international. 

„Steht im Telefonbuch, ja?“ Vor 20 Jahren hatten meine Freundin Margaretha und ich schon mal angerufen. Während des Trainer-B-Lehrgangs hatten wir Telefonstreich gemacht, weil wir den Bundestrainer mit seiner kölschen Freundlichkeit so mochten und nun sollte ich also wieder im Telefonbuch nachschlagen, um anzurufen. „Ja, steht im Telefonbuch“, sagte der Rumäne. 

Gut, sagte ich, froh, die Containance bewahrt zu haben. Gut. Ich drehte mich um und ging wieder. Vorbei an dem nicht vorhandenen Mülleimer, über das herbstliche Gelände und voll Verwunderung über die Gefühle, die die Erinnerung an längst vergangene Zeiten in meinem Körper verursacht hatte. 


Bildnachweis: Rhein Energie Stadion Köln von dronepicr Lizenz: CC-BY

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