Systeme sind für Loser

Kurzzusammenfassung: ich würde es sehr begrüßen, wenn Opferaktivist*innnen ohne Sportbezug in der Berichterstattung über Machtmissbrauch im Sport in Zukunft weniger berücksichtigt würden. 

Wenn wir realistisch über Machtmissbrauch im Sport sprechen wollen, dann müssen wir genau hinschauen. Zurzeit läuft es anders. 

Da kommen welche daher und meinen, dem Sport Kampagnen überstülpen zu können, die eigentlich ihren eigenen Interessen entsprechen. Die Opfer der Kirche meinen, ein System zu erkennen, das dem eigenen System gleicht, das sie, vielleicht nicht zum ersten Mal, zu Opfern gemacht hat.

Und die frühere PDS-Politikerin (heute SPD) Angela Marquardt, die in ihrer Jugend in StaSi-Kreisen sexuell missbraucht wurde, meint, uns erzählen zu können, ihr habe Judo ja geholfen, über die StaSi-Erfahrungen hinwegzukommen. 

Schön, Angela, dass es dir in deiner Hobbyjudogruppe so gut gefallen hat. Schön, dass du auf Deutschlandfunk Interviews zum Thema gibst. Bei wem hast du dich konkret zu Judo als Leistungssport und Machtmissbrauch erkundigt? Das würde nicht nur ich gerne wissen. 

Schön, Andrea Schültke, dass du in einem Beitrag zum Thema Missbrauch im Sport Matthias Katsch zu Wort kommen lässt. Weil sich ja die Situation im Aloisiuskolleg (AKO) so gut mit dem organisierten Sport vergleichen lässt. Zufällig ist Katsch Experte auf dem Gebiet aller Systeme. 

Zufällig bin ich an diesem Wochenende beim AKO unter dem Zaun durchgekrochen, da, wo es zur „Stella Rheni“ geht. Ein bisschen habe ich mich angesichts der Vergewaltigungsvilla schon gegruselt. Ich wollte nicht zu spät zum Gottesdienst kommen, das AKO ist umzäunt und schwer zugänglich. Mein Abendessen wurde mit der Jesuitenkreditkarte bezahlt. Keine Kirche ist vor mir sicher. Die Lücke unter dem Tor ist an sich recht großzügig, da würde auch Klaus Mertes drunterdurch krabbeln können, obwohl er seit gefühlt 50 Jahren kein Judo mehr gemacht hat. Derartige Beziehungen könnten zufällig Grund dafür sein, dass meinen Aussagen, ich hielte die Situation im Sport mit der bei der Kirche nicht für vergleichbar, in manchen Kreisen kein Glauben geschenkt wird. Man könnte zwar auch ableiten, dass ich zum Thema besonders gut informiert wäre, aber wen interessiert schon die Wahrheit? Aktivist*innen per Definitionem auf jeden Fall nicht nicht.

Zufällig halte ich Leute, die meinen, Opfer grob schematisch für ihre Zwecke einsetzen zu können, für schlecht informiert, ideologisch und nicht lösungsorientiert. Und außerdem für unmoralisch.

Echt ganz schön viele Zufälle, aber so sind die Welt und das Leben. Vieles findet zufällig statt und aus Zufällen Systeme ableiten zu wollen, ist, nun ja, schwierig. Ich finde es schon beeindruckend, dass im Missbrauchsbusiness so viele Zufalls- und Chaosforscher aktiv sind.

Wir, die wir uns jahrelang im organisierten Sport rumgetrieben haben, sind bestimmte Leute. Ich weiß noch, wie ich über meinen früheren Freund B. lachte, als er  sagte, er würde Sport treiben, er ginge schließlich auf Technoparties. Ich konnte ihn ab dann nicht mehr ernst nehmen. Damals wusste ich noch nicht, dass Sport-Körper Raubtierhormone produzieren, die dem Speed, Kokain und anderen Drogen ähneln, Drogen, die auf Technoparties konsumiert werden.

Wir haben in den Strukturen des organisierten Sports solche und solche Erfahrungen gemacht. Es sind welche depressiv geworden, andere erscheinen psychotisch und diesen Sommer könnte sich sogar eine Judokämpferin aus dem Bezirk, aus dem ich komme, umgebracht haben. 

Es gibt einige Beispiele von Sportlern, die sich suizidiert haben. In der Stuttgarter Zeitung kann man über einen ehemaligen Ruderer und Radsportler lesen. Der Psychiater William Lowenstein weist auf Marco Pantani und die Affinität von ehemaligen Sportlern zum Kokain hin. 

Lowenstein, der in Paris eine Suchtklinik betreibt, in der er nach eigenen Angaben viele Ex-Leistungssportler betreut, erscheint als Schlüssel zum Thema Machtmissbrauch und Sport. In Frankreich wurde schon vor 10 Jahren, damals hatte Frankreich eine für das Thema offene Sportministerin, unter Mitarbeit von Lowenstein eine Studie durchgeführt, die die Untiefen des Leistungssports und seiner Nebenphänomene beleuchtet.

Deutschland hingegen scheint sich nicht mal an der Initiative des IOC zu beteiligen, die sich für eine bessere psychische Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern einsetzt. An der Sporthochschule scheint Psychologie nur als Erfolgsfaktor begriffen zu werden und unter dem Schlagwort „Mentalisierung“ bearbeitet zu werden. 

Dass sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seit Jahren weigert, in den Fonds sexueller Missbrauch (FSM) einzuzahlen, ist eines. Ich kann im Grundsatz akzeptieren, dass man sagt, im System des deutschen Sozialstaats und Rechtssystems sei die Allgemeinheit für Heilung zuständig und daher seien Entschädigungssummen im sechsstelligen Bereich so wie in den USA unangemessen. Ich finde es sogar richtig. Deutschland hat einen anderen Sozialstaat als die USA, auf die viele Opfer, die offenbar für immer Opfer bleiben wollen, schauen. 

Er wollte die 5000 Euro der Jesuiten nicht nehmen, weil er auf die höheren Geldsummen warten wollte. Eine von der Krankenkasse finanzierte Traumatherapie wollte er auch nicht machen. Er war total paranoid und steckte mich damit an. Nach ein paar Stunden des Gesprächs begann ich, Zeichen in den Autokennzeichen zu suchen. Ich weiß nicht, wie es ihm jetzt geht, vielleicht ist er tot.

Als ich mal ein Opfer schweren sexuellen Missbrauchs, körperlicher Gewalt und Vergewaltigung, das ich in einem Imageboard kennengelernt hatte, besuchte, erzählte er mir seine Geschichte. Er war in der "Stella Rheni" im AKO vergewaltigt worden. Nicht nur einmal. Eher so regelmäßig in der Mittagspause. Und er sprach ständig von den hohen Geldsummen, die in den USA Opfern zugesprochen werden. Er wollte die 5000 Euro der Jesuiten nicht nehmen, weil er auf die höheren Geldsummen warten wollte. Eine von der Krankenkasse finanzierte Traumatherapie wollte er auch nicht machen. Er war total paranoid und steckte mich damit an. Nach ein paar Stunden des Gesprächs begann ich, Zeichen in den Autokennzeichen zu suchen. Ich weiß nicht, wie es ihm jetzt geht, vielleicht ist er tot.

Es ist komplett inakzeptabel, dass den Opfern weisgemacht wird, dass sie auf hohe Geldsummen wie in den USA hoffen können. Solche Kampagnen breiten sich aus und sorgen für mehr Leid. Es wird ja im Gegenteil sogar auf Jahre kein Geld vom DOSB geben, vielleicht nie. Es ist auch nicht richtig, dass die Opfer des kirchlichen Missbrauchs die Leute vom Sport als Tool benutzen, um ihre überzogenen, unpolitischen Ansprüche durchzusetzen. 

Wir können beim Sport selbstredend genau hinschauen und etwas sehen. Es gibt Studien. Sogar judospezifische. Die deutsche Sporthochschule verweigert sich offenbar in diesem Bereich dem internationalen wissenschaftlichen Diskurs. Der DOSB mauert und weigert sich nicht nur zu zahlen, sondern auch wissenschaftlich zu sprechen. Forschungsfragen wären unter anderem solche nach der Hirnchemie von Leistungssportlern. Und nach den Abwertungen, die gerade jene, die abweichende Identitäten haben, unterdrücken. Ein Beispiel ist der Schwarze Judoka, der von Bundestrainer Möller rassistisch beleidigt wurde. 

Ein anderes sind die vielen Frauen, die trotz Weltklasseleistungen in Deutschland nicht festangestellte Trainerinnen werden können. Deutsche Zustände, wenn die Olympiasiegerin nach Israel deportiert werden muss, um eine angemessene Anstellung zu erhalten. 

Deutsche Zustände, wenn die niedersächsische Weltmeisterin von den Verhältnissen im Schweineland so frustriert ist, dass sie sich vollends aus dem Sport zurückzieht und sogar ihre Trophäen weg gibt. 

In einer anderen Welt würde man erfolgreiche Sportlerinnen innerhalb des Verbandes ehren und im Sinne einer nachhaltigen Organisation all jene, die im Bundeskader waren und Deutscher Meister oder gar Europa- oder Weltmeister geworden sind, um jeden Preis halten und sie, wenn auch nicht immer hauptamtlich, als Trainer einsetzen, damit sie als Vorbilder wirken können, die Jugend motivieren und zeigen, dass sich im Sport Leistung wirklich lohnt. 

In dieser Welt leben wir nicht. In welcher Welt der organisierte Sport aktuell lebt, weiß ich auch nicht so genau, weil ich noch nicht mit genug Leuten gesprochen habe. Aber ich habe mal in der Welt des organisierten Sports gelebt. 

Wir leben in einer Welt, in der ein machtloses Grüppchen in einer ehrenamtlichen Aufarbeitungskommission Theorien über den Sport anstellt, ohne jemals ein Gefühl für die Körper der Sportler gewonnen zu haben. Die vielleicht hier oder da mal Geschichten aus den Verbänden gehört haben, diese aber nicht einordnen können, weil sie die Netzwerke nicht kennen. 

Die in ihrer Kommission paranoide Systemtheorien entwickeln. Wer von einem System spricht, will es nicht genauer wissen. Wer von einem System spricht, ist paranoid, denn er ignoriert, dass es in jedem Netzwerk auch ansprechbare Personen gibt, die eine Moral haben. Wer von einem System spricht, hat aufgegeben. 

Wer von Systemen spricht, ist ein Loser. Und für Loser gibt es im Leistungssport nichts zu gewinnen.



Bildnachweis: Loser von Erich Ferdinand Lizenz: CC-BY


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