Mit Sport in den Extremismus

„Versuchen Sie, zurück in die bürgerliche Gesellschaft zu kommen.“ Was mein Therapeut damit meinte, war mir komplett schleierhaft. Es war ein heißer Tag, gekleidet ganz in weiß, Stil Boy-Tennisdress und Flip Flops, war ich über die Bonner Berge zu ihm hingewandert. Was andere von mir denken, interessiert mich nicht, ich bin Autist, ich bin Mann, ich habe lange schwarzgelockte Haare auf den Beinen. 

Damals hing ich einer Art Leninismus an, was in der SPD gewiss nicht so gut ankam. Zu groß der Frust über die Zersplitterung des Parteiensystems, über Mao, den Schwimmer gelacht und an sich viele Kontakte zu Linksextremisten, die mir nicht gut getan haben. 

Wie konnte es dazu kommen? Wie wird ein Mensch so unbehaust? 

Die Antwort ist leicht. Mutter kaputt, weil die Eltern im Krieg zu viel erlebt haben. Mutter kaputt, kennt keine Treue, schreit rum, ist gewalttätig, egozentrisch, überfordert. Manche kennen es, so viel Ehrlichkeit muss sein und gleichzeitig heißt das, dass auch die EMMA meine Geschichte nicht kaufen wird, so wie die taz, weil nicht sein darf, was die Gleichgesinnten verunsichern könnte. 

Mutter kaputt, dann Sport. Sport gegen Gewalt und Drogen, na sowas, wieso führt Sport bei Diego Maradona dann zu Gewalt und Drogen? Niemand weiß es, weil sich die Deutsche Sporthochschule offenbar weigert, die Aspekte Sucht und Leistungssport auch nur einmal zu erforschen. Wenn es um Psychologie geht, dann ist hauptsächlich Mentalisierung von Interesse, also eine Technik, mit der sich Leistungssportler programieren können, um noch leistungsfähiger zu werden. Das IOC ist da weiter, es hat eine Meta-Studie mit gefühlt tausend Unterstudien verfasst. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich die inklusive der Fußnoten, von denen für den einen mehr diese und für die andere mehr jene von Interesse sind, mal ordentlich reinpfeifen. 

Nicht nur Diego Maradona, sondern auch viele andere fallen nach der Sportkarriere in ein Loch. Die perfekten Bewegungen können nicht mehr mit Macht ausgeführt werden, es fehlt der Kick des Erfolgsmoments, ob beim Schießen eines Balls oder beim Ballern einer Person mit maximaler Perfektion auf eine Matte. Es betrifft nicht alle, einige, vermutlich jene mit guten Elternhäusern, die eh schon beim Kader bevorzugt sind, machen nach der Sportkarriere auch eine berufliche Karriere, weil sie beim Sport gelernt haben, früh aufzustehen, sich die Zeit besonders gut einzuteilen, an Zielen zu arbeiten und den Gegner psychologisch auszuschalten. Andere fallen dann eben hinten runter, werden süchtig, depressiv und sterben. 

Hinzu kommt die Brutalität, die jeder kennt, über die aber nicht gesprochen wird. Kopfnuss beim Judo? Natürlich verboten, aber wird geübt. Im Handball wird beim Torwurf ordentlich zwischen die Schulterblätter geschlagen. Es gibt in jeder Sportart solche Beispiele. Um international erfolgreich zu sein, sind solche Kleinigkeiten vermutlich nicht zu vermeiden. Daher ist es auch fraglich, ob die Kampagne gegen die Verhältnisse im Sport, die zurzeit vom Deutschlandfunk und der Aufarbeitungskommission geführt wird, zu Ergebnissen führen wird. Ich würde da selbst als Liberaler nicht mehr zuhören. Da reden dieselben Leute, die sich dafür einsetzen, dass die Trans*-Sportlerin Caster Semenya mit ihrem hohen Testosteronwert und ihrem in der Pubertät kräftig herangewachsenen Körper bei den Frauen mitmachen soll. Es wird die Härte in den Turnhallen kritisiert. Doch ohne Härte geht es nicht und zu Härte wurden wir erzogen. 

Es ist nicht nur Diego Maradona. Es gibt viele Beispiele. Für mich eine Offenbarung war der Shitstorm auf Till Lindemann von Rammstein. Lindemann wird davon nichts mitbekommen haben, er ist nicht im Social Web, weil er das nicht nötig hat. In einem Internetforum habe ich gelesen, Lindemann sei "so reich, dass er die Kinder von Herbert Grönemeyer als Sklaven kaufen" könne. Till Lindemann hat in einem Playboy-Interview gesagt, dass er Therapien zumeist als sinnlos ansehe, als eine unnütze Geldausgabe und dass die Leute nach einer Therapie ungemein egoistisch werden. Außerdem sage er, nach dem 10. Gin Tonic wolle jede ficken. 

Die Folge in der Debatte: Lindemann wurde hegemoniale Männlichkeit vorgeworfen und dass er damit meine, dass sich die Frauen nach einer Therapie nicht mehr so missbrauchen lassen würden wie vor der Therapie. Um ehrlich zu sein, bräuchte es keine 10 Gin Tonic, damit ich mit Lindemann ins Bett gehe, ich würde das auch nüchtern tun, aber ich bin für ihn vermutlich zu alt. Das ist das Einzige, was man ihm aus meiner "feministischer" Sicht "vorwerfen" kann: dass er den Geruch der Jugend liebt. 

Lindemann war Leistungsschwimmer in der DDR, sein Vater war 110-prozentiger Systemunterstützer und davon hat Lindemann ganz bestimmt eine ganze Menge Schäden davongetragen. Dass man angesichts von ihm, der sich in jedem zweiten Video als Transe verkleidet, noch von hegemonialer Männlichkeit sprechen will, ist einfach nur lächerlich. Er lebt ja gerade seine Brüche in der Kunst aus und scheint sich derer auch bewusst zu sein. You lost me here, Netzfeminismus. Ich muss mich dank Lindemann nicht mehr verstecken, ich kann mich als "sexuelle Identität Sport" outen und habe das auf meinem Twitter mit der Umbenennung in "CSD Sport" bereits so umgesetzt. Sportler machen besondere Körper- und Geschlechsidentitätserfahrungen, und dies sportartspezifisch, und es wäre dringend nötig, dies eingehender zu erforschen. Doch wie bereits angemerkt: die Sporthochschule weigert sich. Sie will an dem hehren Gladiator-Bild nicht rütteln. Was sich für manche dann eben später im Leben rächt – die sind dann eben Abfall. Eine darwinistische Sichtweise. 

Letztes Jahr habe ich mich mit einem anderen Ost-Schwimmer getroffen, wir haben versucht, uns näher zu kommen. Am Montag nach dem Treffen habe ich mich mit einer Journalistin vom Deutschlandfunk getroffen, es war kein gutes Treffen. 

Ich weiß nicht, was der Frau vom Deutschlandfunk an mir nicht gefallen hat. Mein Eindruck war, dass sie mich für eine Rechtspopulistin hält, so wie auch die Grünen mit mir in den letzten Jahren umgehen, als wäre ich ein Nazi. In den Gefilden der gezähmten Sprache wurde mir schon Neuro-Linguitistisches Programmieren empfohlen. Meine Identität, inklusive der sexuellen, passte nicht an das Konzept der Ökopaxen. Ein Robert Habeck, der schon durch eine andere Anordnung des Discounters verunsichert zu sein behauptet, hingegen schon. 

Ich habe versucht, mich dort anzupassen, doch am Ende ging alles schief. Ich hatte den Anschein des Extremismus und so war ich nicht für Grüne, dafür jedoch für Linksextremisten interessant. Für die Grünen bleibt für mich der Job der „Künstlerin“, doch dies passt nicht zu meinem logischen Charakter. Ein Sack voller Missverständnisse. 

Bunte Identitäten sind für die Grünen erlaubt, so lange sie in deren Norm-Schema passen. Hauptsache man räumt ein, nicht einkaufen zu können, fordert dafür aber von Anderen ein, vor allem von der Unterschicht, flexibel zu sein. Das klingt unlogisch. Härte ist nicht erlaubt, schon der Folsom Europe wurde von den dortigen Lesben abgelehnt und überhaupt wurde mir in den Frauenstrukturen vorgeworfen, „mit den Männern im Bett“ zu sein. Sich für Vielfalt einzusetzen, ohne in eine der von den Grünen erlaubten Vielfalts-Schubladen zu passen, die im Rahmen ihrer Nach-Außen-Kehrung des Privaten vorgesehen sind, ist schmerzhaft. Keinen Sex zu haben, nicht befriedigt zu werden, und das jahrelang, ist schlichtweg menschenrechtswidrig. 

Ob Netzfeminist*innen oder die Grünen: mit ihrer gezähmten Sprache und den schematischen Geschlechterbildern drücken diese neuen Hegemonialen gerade gebrochenen Persönlichkeiten Identitäten auf, die nicht zu ihnen passen und die zu neuer Unterdrückung führen. Sportler könnten hier besonders betroffen sein. Es kann gut sein, dass diese Ausschlüsse Menschen in (rechts)extremistische Kontexte drängen. Andererseits kann es aber genauso sein, dass (Links)Extremismus in manchen Kontexten als Normalität angesehen wird bzw. dass sich Extremist*innen in noch nicht so gut erforschten Kreisen zurzeit noch gut verstecken können. Aus meiner Sicht ist die Mitte insbesondere im Internet und bei den Postmodernen verpönt, die konfuzianischen Werte Maß und Mitte scheinen angesichts von Klimakrise und Filterbubbles gerade nicht en Vogue zu sein. 

Schon allein daher ist es ein Wohlgeschmack, nun in der SPD zu sein, wo die Menschen nicht nur interessantere Berufe haben und mehr an der Wirklichkeit orientiert sind, sondern auch einfach witziger.

Mein Ruch des Extremismus bleibt aber die permanente Gefahr, der ich mich entledigen muss. Denn wie es in „Andorra“ geschrieben steht: was dir zugeschrieben wird, kann irgendwann deine Identität werden. Ich habe mich in die Gefahr begeben und bin darin nicht umgekommen, bis auf Arbeitslosigkeit, der einen oder anderen Straftat und Ausgrenzung hat mich wenig Schlimmes ereilt. Ich bin hart und kann jahrelang in einem Erdloch sitzen und graben, bis ich den Schatz gefunden habe. 

Und jetzt habe ich ihn gefunden. 

Eine unbehauste Jugend, die extremen Erfahrungen des Sports können in den Extremismus führen und dieser hat auch Einfluss auf die Liebesbeziehungen. Ich habe mir die extremistischsten Extremisten als Liebespartner ausgesucht. Es ist wichtig, eine Kontinuität in das Kaleidoskop der Gefühle zu bringen, eine Zeitlinie zu malen. So wie ein Kriminalist die Ereignisse des eigenen Lebens auszuforschen und ihnen einen Sinn zu geben.   



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