Mit den Russen handeln

Die Amerikaner sind unzuverlässig, ziehen dich wie es geht über den Tisch – mit den Russen musst du erst mal trinken und von deinen Enkeln erzählen und dann kannst du dich felsenfest auf sie verlassen. Als Freundin des freien Westens überraschte mich diese Aussage meines Freundes von Polizei und Verfassungsschutz. Zwar hatte ich mich schon mal fast erfolgreich bei Russia Today beworben und war beeindruckt von der Geradlinigkeit und Intellektualität meines dortigen Gesprächspartners, gleichwohl ist meine Festlegung klar: wenn ich eine Traumreise machen will, dann natürlich die US-Westküste herunter. 

In amerikanischen Universitäten wird modernes Essen erfunden, mit Gentechnik neue Sorten gezüchtet und auch, wenn es mit der Demokratie bei unserem großen Bruder in den letzten Jahren abwärts zu gehen scheint, so wurde doch auch die moderne Demokratie hier praktisch erfunden. Man kann mit ihnen trotz allem am zufriedensten sein. Der Ami ist mein Freund, denn er hat Pferde und Cowboys, er hat es gut, seine Seele muss nicht traurig sein, er hat kein russisch Blut. 

Um so mehr interessiere ich mich für das traditionelle russische Essen. Die sowjetische Tomate „Schwarzer Prinz“ aus Sibirien wurde hier bereits vorgestellt. Nun soll es um das wahre russische Essen gehen. Denn es vermag die Traurigkeit zu heilen und wahren Genuss wiederzuerwecken. Kauft nicht beim Deutschen! Der Discounter betrügt euch alle! Gemüse und Zubereitungen sind reichhaltiger bei den Ausländern. Wie das türkische und das chinesische Essen ist auch das russische, anders als die jeweiligen Staatsführungen, auf jeden Fall einen vertrauensvollen Handel wert. 

Meine erste Recherche richtet sich auf die Frage, wo das russische Essen in Deutschland zu finden sei. Für ein russisches Restaurant fehlt mir das Geld. Doch auf dem Trollforum Krautchan wurde ich fündig. Zwar lauern dort, wenn man die Osteuropäer betrachtet, hauptsächlich Polen und deren Nachfahren, jedoch gibt es eine geheime Übereinkunft, dass man trotz der jahrhundertealten Feindschaft im Supermarkt mit dem Russen Handel treibt. 

„Geh in den Mix Markt“ hieß es in dem auf Essen spezialisierten Troll-Kanal #/e/. Der Mix Markt ist eine Supermarktkette, die es in vielen Städten gibt, laut Wikipedia in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern. 

Der Bonner Mix Markt befindet sich in Tannenbusch, dem Armenviertel, das mir Hoffnung macht. Sollte mein sozialer Abstieg fortschreiten, wäre dieser Stadtteil nicht der schlechteste Platz zum Wohnen. Er ist ganz hübsch und mit Bussen schnell zu erreichen. Anders als in der Innenstadt, wo ich aktuell lebe, gibt es hier Zugang zu gutem türkischem und eben auch russischem Essen. 

Ich schule mit dem Besuchen des Mix Markts nicht nur meinen Geschmack, sondern auch meine interkulturelle Kompetenz. Anders als beim Türken werde ich nicht auf Deutsch, sondern auf Russisch angesprochen. Das ist nicht verwunderlich, soll mein Großvater auf dem Totenbett doch wie Breshniew ausgesehen haben. Und in Westberlin wurde ich mal für eine Russin gehalten, von Serben, sie erschienen mir gegenüber fast ehrerbietig. 

Bei meinem ersten Besuch im Mix Markt ergatterte ich eine Dorade, die ich selbst ausnehmen musste. Da ich des russischen Hobbys „Angeln“ mächtig bin, bereitete mir dies keine weiteren Probleme. Ansonsten blieb ich angesichts der vielen unbekannten Produkte zurückhaltend.

Wie in einem fremden Land muss man sich erst eingewöhnen. So beobachte ich an der Kasse meine Miteinkaufenden. Außerdem bereite ich mich für meine Mix Markt Besuche stets akribisch vor, indem ich die Angebotsliste durchforste. Wichtig für die nachhaltige Lebensgestaltung ist es übrigens, sich an seine Einkaufsliste zu halten. Was man vergisst, ist der traumatische Rest, Objekt klein a, der MacGuffin, über den der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slovoj Zizek umfassend in seinen Büchern berichtet hat. 

Keine Angst im Mix Markt. Sich ordentlich durch seine Einkaufsliste kämpfen und den russischen Müttern ausweichen, die ein ganzes Kilo Hering kaufen. „Bitte Matjes. Es darf mehr als ein Kilo sein, nur nicht weniger.“ Vorsichtig an der Fleischtheke vorbei. Am Fisch stehenbleiben, denn der gute Mensch isst Fisch. Man erhält nicht nur ein großes Heringsangebot, sondern auch getrockneten Fisch und Lachs mit festem Fleisch. Er schmeckt wirklich nach etwas. 

Besondere Geschmäcker auch beim Eingelegten, dem meine heutige Aufmerksamkeit gilt. In meinem Freundeskreis wurde mir geraten, mich hiermit zu bevorraten, wenn ich meine Seele bekämpfen will. Eingelegtes sei gut für die Mikrobiota, in denen die Depression wohne. Wer tagtäglich nur Mehlprodukte und Feldsalat isst, wird traurig. Um diese Traurigkeit nicht mit Alkohol bekämpfen zu müssen, muss Eingelegtes her. 

Ein ganzes Regal. Im Angebot war eine Mischung aus eingelegten Gurken und Tomaten. Mit Faszination und Grusel betrachte ich wie schon bei meinem ersten Besuch die eingelegten Wassermelonen. Beim nächsten Mal kommen sie mit, verspreche ich mir selbst, dieses Mal soll es eine Mischung aus Tomaten, Gurken und einer fremden gelben Frucht namens „Patisson“ sein. Sie sieht aus wie ein kleiner Bischofsmützen-Kürbis und schmeckt süßlich, die Konsistenz ist etwas knackiger als bei einer Gurke. Vielleicht probiere ich das nächste Mal ein Glas der scharf eingelegten Patissons, bei denen es sich tatsächlich um kleine Kürbisse handelt. 

Der Mix Markt verfügt über Produkte aus Russland, Polen, dem Balkan, aus Aserbeidschan – ich kaufe einen Ajvar „Baku Magic“ – und sogar Kim Chi aus Korea kann man kaufen. „Gibt es auch Produkte aus der Ukraine?“ frage ich in meinem Trollforum nach. „Nein, es ist ein russisches Unternehmen.“ Ich bin sehr zufrieden, konnte ich mich mit der Ukraine doch nie anfreunden. Bei den Grünen habe ich ukrainische Frauen auf Stöckelschuhen gesehen, die blau-gelbe Fahnen hinter sich her zogen. Dieser Anblick erfüllte mich mit großer Befremdung, ich konnte mir das nur durch die Folgen von Tschernobyl erklären. Die Ukraine muss Demokratie und Marktwirtschaft einführen und zumindest auf den Stand von Griechenland und Rumänien kommen, dann können sie gerne in die EU kommen, ich habe damit kein Problem. So lange dort Jungs mit der Kalaschnikow vorbeikommen, wenn man ein Startup gründet, ist die Uḱraine für mich kein ernstzunehmendes Land. „Vielleicht gibt es im Mix Markt Halva aus der Ukraine“, heißt es im Forum relativierend. Warum auch nicht?

Da ist ein reichhaltiges polnisches Wurstregal und im Milchregal gibt es Kefir aus Polen, obwohl sich Polen und Russland seit Jahrunderten nicht grün sind. Ich bevorrate mich mit dem wolkig-leichten Getränk, damit ich bis nach dem Jahreswechsel gesunde gegorene Nahrung vorhalten kann. Die eingelegten Gemüse habe ich innerhalb eines Tages fast vollständig vertilgt. Natürlich habe ich auch eine saure Sahne mitgenommen. Sehr gespannt bin ich nun auf den eingelegten Auberginensalat mit Trockenpflaumen und den Brotaufstrich mit Capelinrogen, auch isländischer Kaviar genannt. 

Diese dienen nicht unbedingt unmittelbar der geistigen Gesundheit, so wie Kefir, Hering und eingelegtes Gemüse, liefern dafür viele neue Essens-Eindrücke, die dem Genuss-Reichtum dienen. Und nächstes Mal werde ich auf jeden Fall die eingelegten Wassermelonen auswählen. Mut und stetiges Interesse werden belohnt, dessen bin ich mir inzwischen sicher. Adieu oder wie es auf Russisch heißt, wenn an dieser Stelle wieder aus der neuen Geschmackswelt berichtet wird. 







Urheberrechtsnachweis: Pickled Tomatoes: Off-shell · CC-BY-SA

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